Ist es Zeit, EU-Aktien wieder stärker im Depot zu gewichten? Jahrelang waren US-Aktien das unangefochtene Zugpferd in vielen Depots. Wer in den letzten zehn Jahren auf den S&P 500 gesetzt hat, wurde definitiv belohnt. Doch in den letzten Monaten hat sich die Stimmung gedreht: Geopolitische Spannungen, eine zunehmend unberechenbare US-Handelspolitik und auseinanderlaufende Konjunkturzyklen lassen viele Anleger neu nachdenken. Plötzlich rücken europäische Aktien wieder in den Fokus, und das aus nachvollziehbaren Gründen.
In diesem Artikel schauen wir uns an, was aktuell für (und gegen) eine stärkere Gewichtung von EU-Aktien spricht. Wir blicken auf Zölle, Wachstumsprognosen, Bewertungen und die strukturellen Stärken Europas, aber auch auf die Schwächen, die du kennen solltest, bevor du dein Depot kurzfristig umbaust.
Politische Lage: Berechenbarkeit als Anlageargument?
Die globale politische Lage ist 2026 alles andere als ruhig geworden. Besonders aus den USA kommen seit dem Regierungswechsel immer wieder Schlagzeilen, die an den Märkten für Bewegung sorgen. Mal sind sie positiv, mal negativ. Die Europäische Union wirkt im direkten Vergleich behäbiger, aber eben auch berechenbarer. Für Anleger, die ein stabileres Umfeld suchen, kann das ein echtes Argument sein.
Wichtig: Die USA bleiben Europas wichtigster Sicherheits- und Wirtschaftspartner. Es geht hier nicht um ein „Entweder-Oder“, sondern um die Frage, ob das Pendel in deinem Depot vielleicht etwas zu stark in eine Richtung ausgeschlagen hat. Die Differenzen bei Verteidigungsausgaben, Zöllen und industriepolitischen Fragen werden uns wahrscheinlich noch eine Weile begleiten.
Wirtschaft und Inflation: Zwei unterschiedliche Welten
Bei Wachstum und Inflation laufen die USA und Europa aktuell deutlich auseinander, aber anders, als man noch vor einigen Monaten gedacht hätte. Die Europäische Kommission hat in ihrer Frühjahrsprognose 2026 (vom 21. Mai 2026) deutlich nach unten korrigiert: Statt der ursprünglich erwarteten 1,4 % rechnet sie für die EU nun mit nur noch 1,1 % BIP-Wachstum für 2026. Für den Euroraum sind es sogar nur 0,9 %. Erst 2027 soll das Wachstum wieder auf 1,4 % (EU) bzw. 1,2 % (Euroraum) anziehen. Die USA liegen laut OECD mit rund 2,4 % bzw. 2,1 % klar darüber, trotz der eigenen Zollpolitik. Klingt erstmal nach einem klaren Punkt für die USA.
Noch deutlicher ist die Korrektur bei der Inflation und hier wird es für Anleger spannend. Während noch im Herbst eine weitere Abschwächung der Inflation im Euroraum erwartet wurde, hat der neue Energieschock durch den Konflikt im Nahen Osten die Lage gedreht. Die EU-Kommission rechnet nun mit 3,0 % Inflation im Euroraum für 2026 (EU sogar 3,1 %), bevor sie 2027 wieder auf 2,3 % sinken soll. In den USA dürfte die Inflation bei 3,2 % bzw. 3,1 % verharren.
Das hat Konsequenzen, vor allem für die Geldpolitik: Die EZB hat plötzlich deutlich weniger Spielraum für Zinssenkungen als noch vor wenigen Monaten erwartet. Der vermeintlich klare Vorteil Europas bei Inflation und Zinsen ist damit weitgehend verschwunden.
💡 Merke dir: Der Energieschock 2026 verändert die geldpolitische Logik. Wer auf einen klaren EZB-Zinssenkungspfad als Argument für EU-Aktien gesetzt hat, muss umdenken. Die Bewertungsfrage rückt damit noch stärker in den Mittelpunkt.
Energieschock 2026: Belastung und Chance zugleich
Der Konflikt im Nahen Osten hat die EU als Nettoenergieimporteur empfindlich getroffen, es ist bereits der zweite Energieschock innerhalb von fünf Jahren. Höhere Energiepreise bedeuten höhere Haushaltsrechnungen, steigende Unternehmenskosten und sinkende Gewinne in vielen Branchen. Das Verbrauchervertrauen fiel zu Beginn des Konflikts auf ein 40-Monats-Tief.
Es gibt aber auch eine positive Seite: Die Investitionen in Energieresilienz seit dem russischen Angriff auf die Ukraine zahlen sich aus. Die EU-Wirtschaft kann den Schock heute besser absorbieren als 2022, weil die Diversifizierung der Energieversorgung, die Dekarbonisierung und der reduzierte Verbrauch greifen.
Für Anleger ergeben sich daraus zwei Erkenntnisse: Energie- und Versorger-Aktien mit Fokus auf erneuerbare Quellen, Netzausbau und Effizienztechnologien könnten zu den Profiteuren gehören. Verteidigungstitel ebenfalls, denn die Verteidigungsausgaben steigen weiter. Auf der anderen Seite stehen energieintensive Industrien (Chemie, Stahl, Teile der Automobilbranche) unter besonderem Druck.
Frühjahrsprognose 2026: Die Zoll-Realität ist da
Der Handelskonflikt zwischen den USA und Europa hat sich 2025 spürbar verschärft. Nach umfangreichen Importzöllen im Frühjahr und einer monatelangen Phase der Unsicherheit kam es im Sommer zu einer politischen Einigung, auf einem neuen, höheren Niveau.
Für die europäische Automobilindustrie bedeutet das konkret: Statt der früheren 2,5 % gilt jetzt ein Zollsatz von 15 % auf Fahrzeuge und Teile aus der EU. Das ist deutlich besser als die zwischenzeitlich angedrohten 25 bis 30 %, aber eben auch eine massive Belastung gegenüber der alten Welt. Hersteller wie BMW, Mercedes und VW haben Milliarden in ihren Bilanzen zu verarbeiten. Die EU hat ihre Gegenmaßnahmen nach der Einigung erstmal auf Eis gelegt, um den Handelsfrieden zu wahren. Für Anleger sind drei Dinge wichtig:
- Exportstarke Branchen, allen voran Auto, bleiben unter Druck.
- Die betroffenen Unternehmen reagieren bereits: Produktionsverlagerungen in die USA, Kostensenkungen, Preiserhöhungen. Wer als Konzern jetzt nicht schnell anpasst, verliert.
- Das ist nicht das Ende der Geschichte. Weitere Verhandlungen, Branchen-Ausnahmen oder neue Eskalationen sind jederzeit möglich.
Für dein Depot heißt das: Diversifikation innerhalb Europas ist wichtiger denn je. Nicht jede europäische Aktie ist gleich stark vom US-Geschäft abhängig.
Der schwache US-Dollar: Rückenwind für EU-Aktien?
Währungsbewegungen werden von vielen Privatanlegern unterschätzt und das zu Unrecht. Wenn der Dollar gegenüber dem Euro fällt, hat das gleich mehrere Effekte auf dein Depot: Wenn du als Euro-Anleger US-Aktien im Depot hast, schmälert ein fallender Dollar deine Rendite, sobald du in Euro umrechnest. Umgekehrt werden Euro-Anlagen für US-Investoren attraktiver, was Kapitalströme Richtung Europa lenken kann.
Bei europäischen Unternehmen kommt es darauf an, wie sie aufgestellt sind. Exportstarke Konzerne, die viel in den USA verkaufen, leiden unter einem schwachen Dollar (ihre Dollar-Umsätze sind in Euro weniger wert). Unternehmen, die viele Vorprodukte aus dem Dollar-Raum importieren, profitieren dagegen.
Ein nachhaltig schwächerer Dollar könnte also tatsächlich ein Rückenwind für EU-Aktien sein, vor allem aus Sicht globaler Anleger, die ihr Kapital umschichten. Aber Vorsicht: Währungsprognosen sind schwierig. Langfristig gleichen sich Wechselkurse in einem global diversifizierten Depot meist aus, kurzfristig können sie aber den Unterschied machen.
Mein persönlicher Ansatz: Ich treffe meine Investitionsentscheidungen primär anhand der Fundamentaldaten der Unternehmen, nicht anhand von Wechselkurs-Spekulationen. Aber den Faktor solltest du vielleicht im Hinterkopf haben.
Europas Stärken: Mehr als nur „Old Economy“?
Europa wird gerne pauschal als Heimat der „Old Economy“ abgetan. Das wird der Realität nicht gerecht. Schau dir die folgenden Bereiche an, in denen europäische Unternehmen weltweit führend sind:
- Luxusgüter: Hier dominiert Europa, insbesondere Frankreich, den Weltmarkt. Konzerne wie LVMH, Kering und Hermès setzen die globalen Standards. Starke Marken, hohe Preissetzungsmacht und eine Kundschaft im obersten Segment, die auch in Krisen weiter kauft, das verleiht diesen Aktien defensive Qualitäten.
- Industrie und Technologie: Siemens steht für digitale Industrie, intelligente Infrastruktur und Mobilität. Schneider Electric ist Spezialist für Energiemanagement und Automatisierung. ASML aus den Niederlanden ist Monopolist bei den Maschinen, die für die Produktion modernster Halbleiter gebraucht werden, ohne ASML kein TSMC, kein Nvidia. Diese Unternehmen profitieren von den großen Megatrends: Digitalisierung, Automatisierung, Elektrifizierung.
- Pharma und Biotechnologie: Hier ist Europa breit aufgestellt mit Roche und Novartis (Schweiz, also streng genommen nicht EU, aber wirtschaftlich eng verwoben), AstraZeneca, Sanofi und Novo Nordisk. Novo Nordisk dominiert mit Ozempic und Wegovy den Markt für Diabetes- und Adipositas-Medikamente. Die Pharma-Branche steht für stabile Erträge, hohe Forschungsinvestitionen und solide Dividenden.
- Erneuerbare Energien und grüne Technologien: Der „European Green Deal“ schafft einen politischen Rahmen, der für viele Branchen langfristige Investitionsanreize setzt. Unternehmen, die beim Umbau der Wirtschaft mitspielen, könnten zu den langfristigen Gewinnern werden.
💡 Wichtig zu wissen: Reine Eurozonen-ETFs schließen Schweizer Giganten aus, während breite Europa-ETFs (wie der STOXX Europe 600) sie inkludieren
In einem unsicheren Umfeld sind Qualität und defensives Wachstum besonders wertvoll und beides findest du in europäischen Depots häufiger als oft angenommen.
Bewertung: Sind EU-Aktien wirklich „günstig“?
Jetzt zum vielleicht wichtigsten Punkt für dich als Anleger, die Bewertung. Historisch werden europäische Aktien mit einem deutlichen Abschlag zu US-Titeln gehandelt. Das ist auch heute noch so. Wenn du dir zum Beispiel die KGVs der gängigsten ETFs anschaust, siehst du den Unterschied sofort: Der iShares Core S&P 500 lag Mitte 2025 bei einem KGV von rund 29, der iShares STOXX Europe 600 bei rund 18. Auch wenn sich die genauen Werte inzwischen leicht verschoben haben, die Größenordnung des Abschlags hält sich hartnäckig.
Woher kommt dieser Unterschied?
- Geringere Wachstumserwartungen für die europäische Wirtschaft
- Andere Sektorzusammensetzung der Indizes (im S&P 500 dominieren die Mag-7-Tech-Werte mit teilweise extrem hohen Bewertungen)
- Höhere regulatorische Last und fragmentierte Märkte in Europa
- Größerer Anteil traditioneller Sektoren wie Finanzen, Industrie und Grundstoffe, die historisch niedrigere Bewertungen aufweisen
Die spannende Frage ist: Ist dieser Abschlag gerechtfertigt, oder eine Chance? Anfang 2025 haben europäische Aktien tatsächlich besser performt als US-Aktien, was viele auf genau diesen Bewertungsabstand und die Erwartung steigender Gewinne in Europa zurückgeführt haben.
Allerdings: Die historisch niedrigere durchschnittliche jährliche Wachstumsrate des STOXX Europe 600 im Vergleich zum S&P 500 mahnt zur Vorsicht. Ein Bewertungsabschlag verschwindet nicht von selbst. Es braucht fundamentale Treiber, etwa eine kräftige Konjunkturerholung in Europa oder eine Korrektur überbewerteter US-Titel.
Was spricht gegen eine höhere EU-Gewichtung?
Damit du ein realistisches Bild bekommst, hier auch die andere Seite:
Europa hat strukturelle Probleme, die nicht über Nacht verschwinden. Die demografische Entwicklung ist herausfordernd, die Energiekosten sind durch den neuen Schock 2026 zusätzlich gestiegen, und bei den großen Zukunftsthemen wie KI, Cloud und Halbleiter-Design liegt die Region hinter den USA und China zurück. Außerdem ist der europäische Kapitalmarkt fragmentierter und weniger liquide als der US-Markt, was sich in Bewertungen niederschlägt und das ist vielleicht zumindest teilweise gerechtfertigt.
Dazu kommt: Die EU-Kommission hat ihre Wachstumsprognose gerade erst deutlich nach unten korrigiert, das Defizit steigt auf 3,6 % bis 2027, und die Schuldenquote im Euroraum klettert Richtung 91 %. Das ist kein Krisenszenario, aber eben auch kein Rückenwind.
Wer in den letzten zehn Jahren breit auf europäische Aktien gesetzt hat, hat deutlich weniger verdient als mit dem S&P 500. Eine Trendwende ist möglich, aber nicht garantiert. Sei ehrlich zu dir: Investierst du gerade in Europa, weil du es fundamental für richtig hältst, oder weil die US-Performance dich nervös macht? Das ist ein wichtiger Unterschied.
Fazit: Wie könntest du das in deinem Depot umsetzen?
Aktuell ist die Lage komplexer geworden, als es noch vor einigen Monaten aussah. Für Europa sprechen weiterhin: deutlich günstigere Bewertungen, ein potenziell schwächerer Dollar und strukturelle Stärken in Branchen wie Luxus, Pharma, Industrie und ASML als Tech-Champion. Dagegen stehen: ein neuer Energieschock, steigende Inflation, eingeschränkter EZB-Spielraum, schwächeres Wachstum und altbekannte strukturelle Probleme.
Die ursprüngliche Erzählung „Europa profitiert von sinkender Inflation und EZB-Zinssenkungen“ trägt nicht mehr so klar wie noch im Herbst. Was bleibt, ist die Bewertungsfrage und die Frage nach den fundamentalen Stärken einzelner europäischer Unternehmen.
Drei Punkte zum Mitnehmen:
- Breite Diversifikation bleibt das A und O: Ein global aufgestellter ETF wie der FTSE All-World oder MSCI ACWI enthält automatisch einen Europa-Anteil, der liegt allerdings nur bei rund 12-15 %. Wer Europa stärker gewichten möchte, kann das gezielt über Ergänzungs-ETFs wie den STOXX Europe 600 oder einzelne Qualitätsaktien tun.
- Sei dir bewusst, was „Europa-Übergewichtung“ konkret heißt: Wenn du heute 5 % EU-Aktien im Depot hast und auf 15 % erhöhst, ist das eine deutliche, aber überschaubare Anpassung. Wenn du dagegen plötzlich 40 % in Europa parken willst, ist das eine echte strategische Wette und solche Wetten gehen nicht immer auf.
- Fokus auf Fundamentaldaten, nicht auf kurzfristige Stimmung: Europäische Qualitätsunternehmen mit globalem Geschäftsmodell, starker Marktposition und solider Bilanz sind langfristig spannend, unabhängig davon, was nächste Woche aus Washington kommt.
ETFs zum Thema Europa
Interessanterweise hat Vanguard gerade zwei neue ETFs mit Europa-Fokus herausgebracht:
- FTSE Eurozone UCITS ETF: Mit Exposure auf Large- und Mid-Cap-Unternehmen aus dem Euroraum
- TER 0.07%, ISIN: IE000Q4J3CW6
- FTSE Developed Europe Small-Cap UCITS ETF: Mit Exposure auf Small-Caps aus europäischen Industrieländern
- TER: 0.19% ISIN: IE00069H3LK0
Interessiert euch dazu, oder zu anderen Europa-ETFs eine genauere Vorstellung? Vor einiger Zeit hatte ich mal über den Vanguard FTSE Developed Europe hier im Blog berichtet.
Europa bleibt ein interessanter Markt, besonders für alle, die langfristig denken und auf solide Fundamentaldaten setzen. Ich bin gespannt auf eure Gedanken dazu. Gewichtet ihr aktuell oder perspektisch Aktien aus Europa höher? Und wenn ja: Mit einzelnen Titeln oder über ETFs?
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