Du hast einen ETF auf den FTSE All-World oder den MSCI ACWI in deinem Depot und gehst davon aus, dass es sich um ein günstiges Produkt handelt, weil die TER (Gesamtkostenquote) niedrig ist? Und du gehst davon aus, dass er den zugrunde liegenden Index 1:1 abbildet? Das ist in der Praxis oft nicht ganz der Fall, denn jeder ETF weicht ein wenig von seinem Index ab. Mal ist die Abweichung sehr gering, mal ganz deutlich. Je nachdem, ob diese Abweichung ins Positive oder Negative ausfällt, verändert sich auch die Performance deines ETFs. Merke dir am besten gleich zu Beginn: Eine negative Tracking Difference ist (je nach Berechnung) in diesem Fall etwas Positives! Denn das bedeutet, der ETF läuft besser als der zugrunde liegende Index. In diesem Artikel schauen wir uns das einmal genauer an.
Warum weicht ein ETF überhaupt vom Index ab?
Ein Index wie der MSCI World ist zunächst einmal ein theoretisches Konstrukt, sozusagen eine Liste von Wertpapieren mit einer Gewichtung dazu. Die Liste hat keine Gebühren, keine Transaktionskosten und zahlt keine Steuern. Ein „echter“ ETF muss dagegen Aktien kaufen, verwalten (Rebalancing), Dividenden vereinnahmen und Steuern abführen. All das kostet, oder bringt unter Umständen sogar zusätzliche Erträge. Genau das macht die Sache spannend: Manche ETFs übertreffen dadurch ihren Index sogar.
Berechnung der Tracking-Differenz
Die Tracking-Differenz zeigt dir die tatsächliche Renditedifferenz zwischen ETF und Index in einem bestimmten Zeitraum, meist auf Jahresbasis.
Die Formel ist ganz einfach:
Die Bedeutung der Vorzeichen in dieser Logik:
- Negative Tracking-Differenz: Dein ETF hat den Index sogar übertroffen. Das klingt seltsam, kommt aber häufiger vor, als du denkst.
- Positive Tracking-Differenz: Dein ETF lief schlechter als der Index.
⚠️ Wichtig beim Lesen anderer Quellen: Manche Anbieter nutzen die Formel auch anders herum und rechnen dann ETF-Rendite – Indexrendite. Dann dreht sich die Bedeutung der Vorzeichen auch entsprechend um. Wichtig also: Immer kurz prüfen, welche Logik die Quelle nutzt, bevor du Plus- und Minuswerte interpretierst. Hier im Blog nutze ich bei ETF-Vorstellungen die Berechnung von extraETF, dabei ist eine negative Tracking-Differenz also positiv.
Beispiel zur Berechnung
Vanguard FTSE All-World, thesaurierend (IE00BK5BQT80):
- TER laut Factsheet: 0,19 % p. a.
- Indexrendite 2024 (FTSE All-World): 17,20 %
- ETF-Rendite 2024: 17,19 %
- Tracking-Differenz = 17,20 % − 17,19 % = +0,01 %
Was sagt uns das? Obwohl auf dem Papier eine TER (Gesamtkostenquote) von 0,19 % ausgewiesen ist, hat dich der ETF in der Realität nur 0,01 % gekostet. Die fehlenden 0,18 Prozentpunkte hat Vanguard über Wertpapierleihe, Steueroptimierung und das Sampling-Verfahren wieder hereingeholt. Im Schnitt seit 2020 liegt die Tracking-Differenz dieses ETFs bei rund +0,02 % pro Jahr, also nahezu identisch zum Index. Die TER allein hätte dich diese Information nicht erkennen lassen.
Tracking-Error: Die Schwankungs-Kennzahl
Der Tracking-Error wird gerne mit der Tracking-Differenz gleichgesetzt, bedeutet aber etwas anderes. Er ist eine statistische Kennzahl, genauer gesagt die Standardabweichung der Renditeabweichung zwischen ETF und Index.
Während die Tracking-Differenz dir das Ergebnis zeigt, beschreibt der Tracking-Error den Weg dorthin:
- Niedriger Tracking-Error → Der ETF folgt dem Index sehr stabil und gleichmäßig.
- Hoher Tracking-Error → Der ETF schwankt stärker um den Index herum, mal drüber, mal drunter.
So kannst du dir die Unterschiede merken
- Tracking-Differenz = Wie viel Rendite kommt am Ende bei dir an?
- Tracking-Error = Wie „ruhig“ oder „hektisch“ folgt der ETF seinem Index?
Diese 5 Faktoren beeinflussen die Tracking-Differenz
Warum dein ETF nicht exakt dem Index folgt, kann mehrere Gründe haben:
- Laufende Kosten (TER): Die Gesamtkostenquote wird direkt aus dem Fondsvermögen entnommen und drückt dadurch die Rendite kontinuierlich nach unten.
- Transaktionskosten: Wenn sich der Index ändert (z. B. weil Unternehmen aufgenommen oder entfernt werden), muss der ETF Aktien kaufen oder verkaufen. Diese Kosten sind nicht in der TER enthalten.
- Dividenden & Steuern: Indizes rechnen oft mit pauschalen Quellensteuersätzen. ETFs zahlen dank Doppelbesteuerungsabkommen häufig weniger und können den Index dann möglicherweise übertreffen.
- Replikationsmethode: Bei breiten Indizes mit tausenden Titeln nutzen viele ETFs ein optimiertes Auswahlverfahren (Sampling), statt alle Aktien zu kaufen. Das spart Geld, erzeugt aber auch kleine Abweichungen.
- Wertpapierleihe: Viele ETFs verleihen ihre Aktien gegen Gebühr. Diese Einnahmen fließen zurück in den Fonds und können die Performance über die Indexrendite hinaus bringen.
Wo finde ich die Tracking-Differenz als Privatanleger?
Anders als die TER steht die Tracking-Differenz selten groß auf der Werbeseite eines ETFs. Es gibt aber drei zuverlässige Anlaufstellen, an denen du sie kostenlos einsehen kannst:
1. extraETF*: Auf der Profilseite jedes ETFs gibt es einen eigenen Reiter „Tracking Difference“ mit den jährlichen Werten und einem Durchschnitt seit Auflage. Die Berechnung erfolgt nach der Logik Indexrendite − ETF-Rendite (also wie hier im Blog).

2. trackingdifferences: Eine spezialisierte Seite, die für die meisten in Deutschland handelbaren ETFs die TD jahresweise auflistet, sortiert nach Index. Praktisch für direkte Vergleiche zwischen mehreren ETFs auf den gleichen Index.

3. Annual Report des Anbieters (Vanguard, iShares, Xtrackers usw.): Wer ganz an die Quelle möchte, findet die offiziellen Werte im Jahresbericht. Wichtig: Die Anbieter rechnen meist ETF-Rendite − Indexrendite, also mit umgekehrtem Vorzeichen. Eine negative Tracking Differenz bedeutet in dem Fall dann also, dass der ETF schlechter lief als der Index.

Hier finden wir dann unter dem Punkt annualisierte Jahresrendite Informationen zur Abweichung:

Wenn du die Formel wie hier im Blog ansetzt, musst du dann selbst einmal umrechnen. Mein Tipp: Für den schnellen Check genügen extraETF oder trackingdifferences.com. Den Annual Report ziehe ich nur heran, wenn ich die Zahlen eines bestimmten Jahres exakt nachprüfen möchte.
Fazit
Wer ETFs vergleicht, sollte nicht nur auf die TER schauen, sondern auch die historische Tracking-Differenz heranziehen. Drei Tipps zum Mitnehmen:
- Mehrere Jahre vergleichen: Eine einzelne Tracking-Differenz kann zufällig gut oder schlecht ausfallen. Schau dir 3–5 Jahre an, um ein realistisches Bild zu bekommen.
- Tracking-Differenz vor der TER priorisieren: Sie zeigt das echte Ergebnis nach allen Kosten und Erträgen.
- Tracking-Error als Stabilitätscheck: Wenn du einen ETF willst, der dem Index möglichst eng folgt, achte zusätzlich auf einen niedrigen Tracking-Error.
Für Anleger ist die Tracking Difference (TD) eigentlich die aussagekräftigere Kennzahl, da sie die tatsächliche Wertentwicklung eines ETFs im Vergleich zu seinem Index nach allen Kosten, Erträgen und Steuern misst. Während die TER nur die jährliche Verwaltungsgebühr angibt, zeigt die TD das tatsächliche Ergebnis.
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